Annett Kaufmann: Es gibt Momente im Sport, die wird man nie vergessen. Für die deutschen Tischtennisfans war ein solcher Moment der 5. August 2024. An diesem Tag betrat eine 18-Jährige die ganz große Bühne der Arena Paris Sud und spielte sich mit einer Mischung aus unbändigem Willen, atemberaubenden Ballwechseln und einer emotionalen Lautstärke, die man von einer Debütantin selten sieht, direkt in die Herzen der Nation. Die Rede ist von Annett Kaufmann. Sie war als Ersatzspielerin zu den Olympischen Spielen gereist, doch als sie gebraucht wurde, zögerte sie keine Sekunde. Mit der Becker-Faust und dem Vettel-Zeigefinger führte sie das deutsche Team beinahe zu einer Medaille und verpasste Bronze nur denkbar knapp .
Seit diesem magischen Sommer in Paris ist nichts mehr, wie es war. Annett Kaufmann ist nicht mehr nur ein vielversprechendes Talent, sie ist zur populärsten deutschen Tischtennisspielerin aufgestiegen und hat in der öffentlichen Wahrnehmung in gewisser Weise sogar das Erbe von Timo Boll angetreten . Doch wer ist diese junge Frau, die mit ihrer erfrischenden Art den oft als introvertiert geltenden Tischtennissport aufmischt? Wie schafft sie es, trotz des Hypes um ihre Person bodenständig zu bleiben und sportlich immer weiter zu wachsen? Dieser Artikel taucht tief ein in die Welt von Annett Kaufmann. Wir beleuchten ihre sportliche Familie, ihren kometenhaften Aufstieg, ihren einzigartigen Charakter und die Frage, wie weit die Reise dieses außergewöhnlichen Talents noch gehen kann.
Die Wurzeln einer Siegerin: Eine Familie voller Sportler
Wenn man verstehen will, warum Annett Kaufmann heute dort steht, wo sie ist, muss man einen Blick auf ihre Familie werfen. Sie wurde am 23. Juni 2006 als Tochter von Andrej und Anna Kaufmann geboren . Ihre Eltern sind keine Unbekannten in der Welt des Sports. Vater Andrej war ein erfolgreicher Eishockey-Profi und feierte mit den Bietigheim Steelers 2009 den Gewinn der Zweitliga-Meisterschaft . Mutter Anna, die unter ihrem Mädchennamen Korsunova startete, war als Skirennläuferin auf der Piste unterwegs . Der Sport liegt der gebürtigen Wolfsburgerin also buchstäblich in der Wiege.
Diese sportliche Prägung ist allgegenwärtig in ihrem Leben. Der Ehrgeiz und die Disziplin, die für den Profisport unerlässlich sind, wurden ihr sozusagen mit in die DNA gegeben. Doch es sind nicht nur die Eltern, die ihre Karriere beeinflussen. Auch ihre ältere Schwester Alexandra ist im Tischtennis aktiv und hat eine wichtige Rolle in Annett Kaufmanns Werdegang gespielt. Durch Alexandra kam Annett überhaupt erst zum Tischtennis . Heute ist Alexandra dabei, sich eine Trainerlaufbahn aufzubauen, und bleibt eine wichtige Bezugsperson. Die Familie ist das Fundament, auf dem alles andere aufbaut. Annett Kaufmann selbst betont immer wieder, wie wichtig ihr dieser Rückhalt ist. “Ich bin als Person sehr bodenständig, wurde aber auch so erzogen. Meine Familie ist mir superwichtig. Ohne Familie kann ich keine gute Leistung bringen”, verriet sie einmal in einem Interview .
Der kometenhafte Aufstieg: Von der Jugend-Weltmeisterin zur Olympia-Heldin
Der Weg von Annett Kaufmann an die Spitze war rasant, aber keineswegs ein Zufall. Bereits im zarten Alter von viereinhalb Jahren begann sie beim TTC Bietigheim-Bissingen mit dem Tischtennis . Ihr Talent war früh erkennbar. Mit 15 Jahren wurde sie zur jüngsten U21-Europameisterin der Geschichte und sammelte daraufhin einen Titel nach dem anderen . 2021 gewann sie die Goldmedaille bei der U15-Europameisterschaft, im selben Jahr folgte der EM-Titel bei den U21-Juniorinnen . Diese Erfolge in der Jugend waren der Vorbote für das, was noch kommen sollte.
Der endgültige Durchbruch im Erwachsenenbereich gelang ihr im Sommer 2024. Eigentlich war Annett Kaufmann nur als Ersatzspielerin für die Olympischen Spiele in Paris nominiert . Doch dann kam die Chance schneller als erwartet. Sie rutschte ins Team und wurde zur Schlüsselspielerin auf dem Weg Deutschlands ins Halbfinale. Mit ihren Siegen gegen starke Gegnerinnen aus den USA und Indien begeisterte sie ein Millionenpublikum . Im Halbfinale gegen Japan forderte sie die starke Miwa Harimoto bis zum Letzten, und im Spiel um Platz drei gegen Südkorea fehlte am Ende nur wenig zur Sensation. Die Bronze-Medaille wurde knapp verpasst, aber Annett Kaufmann war über Nacht zum Star geworden . Nur wenige Monate später krönte sie ihr Jahr, indem sie in Helsingborg als erste nicht-asiatische Spielerin überhaupt U19-Weltmeisterin wurde. Im Finale besiegte sie die Chinesin Zong Geman .
Der EM-Titel 2025: “Alles dreht sich um Annett”
Was in Paris begann, setzte sich bei der Team-Europameisterschaft im Oktober 2025 im kroatischen Zadar nahtlos fort. Annett Kaufmann führte das deutsche Team mit herausragenden Leistungen zum zehnten EM-Titel und damit zur alleinigen Rekord-Europameisterin . Ihre Bilanz war makellos: Sechs Spiele, sechs Siege – und das obwohl sie mit einer schmerzhaften Ellenbogenverletzung und einer Bandage am Arm anreisen musste . Im Finale gegen Rumänien lieferte sie ihr wohl bestes Turniermatch ab. Gegen die 16. der Weltrangliste, Bernadette Szőcs, gegen die sie zuvor noch nie einen Satz gewinnen konnte, siegte sie mit 3:2 und ebnete ihrem Team den Weg zum Triumph .
Dieser Titelgewinn war ein Einschnitt, denn er zeigte, dass Annett Kaufmann zur unangefochtenen Anführerin dieses Teams geworden war. Bundestrainerin Tamara Boros brachte es nach dem Turnier auf den Punkt: “Die Mannschaft muss sich daran gewöhnen: Alles dreht sich um Annett, Annett, Annett. Aber das funktioniert bis jetzt ganz gut” . Der Satz zeigt die neue Realität im deutschen Tischtennis. Nach dem Rücktritt von Timo Boll ist Annett Kaufmann das neue Gesicht der Sportart. Sie ist diejenige, die die Interviews gibt, die im ersten Spiel die Verantwortung übernimmt, die im Mittelpunkt steht. Ihre Teamkolleginnen Nina Mittelham und Sabine Winter, die ebenfalls herausragende Leistungen in Zadar zeigten, stellen sich selbstlos in den Dienst der Mannschaft und ermöglichen so diesen Höhenflug .
“Schlagfertig”: Die Persönlichkeit hinter der Athletin
Was Annett Kaufmann neben ihren sportlichen Fähigkeiten so besonders macht, ist ihre Persönlichkeit. In einer Tischtenniswelt, die lange von ruhigen, fast introvertierten Helden wie Timo Boll geprägt war, ist sie ein erfrischender Gegenentwurf. Sie schreit ihre Punkte heraus, ballt die Faust, reckt den Zeigefinger in die Kamera und lebt ihre Emotionen auf der Platte aus . Das ist keine Show, das ist einfach sie. “Mir ist nichts peinlich, ich mache viel Blödsinn, ich verstelle mich nicht”, verriet sie einmal in einem Podcast . Diese Authentizität kommt an.
Die Journalisten lieben sie dafür und nennen sie doppeldeutig “schlagfertig” . Sie traut sich, auch mal über sich selbst zu lachen und gewährt Einblicke in ihr Privatleben. So verriet sie, dass sie gerne mal bei “Let’s Dance” mitmachen würde und auch als Leistungssportlerin morgens gerne ein Nutellabrot isst . Diese Bodenständigkeit und Nahbarkeit machen sie zur idealen Botschafterin für ihren Sport. Trotz ihres jungen Alters und des ganzen Trubels um ihre Person ist sie sich ihrer Rolle bewusst. “Wir Sportler sind ganz normale Menschen”, sagt sie, “wir kommen nicht vom Mars” . Dass sie sich nicht als Influencerin fühlt, obwohl sie über 50.000 Follower auf Instagram hat, sondern der Sport im Vordergrund stehen muss, zeigt ihre reife Einstellung .
Spielstil und Stärken: Die Physis als Trumpf
Mit 1,83 Metern Körpergröße und einem athletischen Körperbau bringt Annett Kaufmann physische Voraussetzungen mit, die im modernen Tischtennis ein großer Vorteil sind . Sie spielt als Linkshänderin mit einem aggressiven Topspin-Spiel von der rechten Seite . Ihre Schläge haben enormen Druck und Tempo, womit sie selbst erfahrene Gegnerinnen vor Probleme stellen kann. Ihre Beinarbeit ist für ihre Größe bemerkenswert gut, und sie versteht es, ihre Reichweite zu nutzen, um Bälle zu erreichen, die für andere unerreichbar wären.
Ihre größte Stärke ist jedoch ihr Siegeswille und ihre mentale Stärke. Sie hat keine Angst vor großen Namen oder hohen Weltranglistenpositionen. Im EM-Finale gegen Bernadette Szőcs, die ihr spielerisch vielleicht überlegen war, kämpfte sie sich mit purer Willenskraft zurück ins Match. “Ich bin nicht selbstbewusst in die Box gegangen, was das Spielverhältnis zwischen ihr und mir betrifft. Aber ich habe mir gedacht: Ich habe nichts zu verlieren”, erklärte sie ihren Erfolg . Diese Einstellung, gepaart mit ihrer körperlichen Präsenz, macht sie zu einer derart gefährlichen Gegnerin. Bundestrainerin Tamara Boros ist sich deshalb sicher: “Annett kann für die Asiatinnen wirklich sehr gefährlich werden” . Gegen die spielerisch oft überragenden Asiatinnen hilft oft nur eines: körperliche Präsenz und mentale Stärke – und genau das bringt Annett Kaufmann mit.
| Aspekt | Detail |
| Name | Annett Kaufmann |
| Geburtsdatum | 23. Juni 2006 |
| Geburtsort | Wolfsburg, Deutschland |
| Größe / Gewicht | 1,83 m / 70 kg |
| Spielweise | Linkshänderin, Shakehand, Angriffsspiel |
| Aktueller Verein | SV DJK Kolbermoor (Bundesliga) |
| Größte Erfolge | U19-Weltmeisterin 2024, Team-Europameisterin 2025, Deutsche Meisterin 2024 |
| Weltrangliste | Platz 49 (Stand: März 2026) |
| Familie | Vater Andrej (Eishockeyprofi), Mutter Anna (Skirennläuferin), Schwester Alexandra (Tischtennis) |
Der lange Weg an die Weltspitze
Trotz aller Erfolge und des Hypes ist sich Annett Kaufmann bewusst, dass der Weg an die absolute Weltspitze noch lang und steinig ist. Aktuell steht sie auf Platz 49 der Weltrangliste, ihr bislang bestes Ranking war Platz 43 Ende 2025 . Das ist ein hervorragender Wert für eine 19-Jährige, aber die Dominanz der Asiatinnen, insbesondere der Chinesinnen, ist überwältigend. Spielerinnen wie die Weltranglistendritte Chen Xingtong, auf die Annett Kaufmann bei der WM 2025 bereits in der zweiten Runde traf, sind eine enorme Hürde .
Ihre niedrige Weltranglistenposition führt dazu, dass sie bei großen Turnieren oft früh auf die absolute Weltklasse trifft. “Man darf sich deswegen nicht kirre machen”, sagt sie tapfer . Und genau daran arbeitet sie mit ihrem Team im Tischtennis-Leistungszentrum in Düsseldorf. Seit sie 2024 ihr Abitur gemacht hat, ist sie Vollprofi und kann sich voll und ganz auf die Entwicklung ihrer Fähigkeiten konzentrieren . Sie trainiert hart an ihrer Kraft, ihrer Ausdauer und ihrer Taktik, um den Rückstand auf die Asiatinnen Schritt für Schritt zu verkürzen. Ihr Ziel ist klar: Sie will nicht nur die populärste, sondern auch die beste deutsche Tischtennisspielerin werden.

Aktuelle Entwicklungen und Ausblick
Die Entwicklung von Annett Kaufmann schreitet stetig voran. Im Februar 2026 gab sie ihr Debüt beim renommierten Europe Top 16 Cup im schweizerischen Montreux. In der Qualifikation setzte sie sich souverän gegen Lea Rakovac und die Waliserin Anna Hursey durch und zog ins Hauptfeld der besten 16 Spielerinnen Europas ein . “Für mich ist ab jetzt alles Bonus”, sagte sie nach dem erreichten Ziel und bewies damit erneut ihre erfrischend unverkrampfte Einstellung . Auch auf Vereinsebene ist sie eine wichtige Stütze. Ihr Bundesligist SV DJK Kolbermoor gab Ende Januar 2026 bekannt, dass Annett Kaufmann ihren Vertrag um ein weiteres Jahr verlängert hat – ein klares Bekenntnis zum Verein und ein Zeichen der Stabilität für ihre weitere Entwicklung .
Die Erwartungen an Annett Kaufmann sind hoch, vielleicht sogar ein wenig zu hoch für ein derart junges Talent. Sie selbst scheint das aber gut wegstecken zu können. Sie ist sich bewusst, dass sie noch viel lernen muss, und nimmt die Herausforderung an. Ihr langfristiges Ziel ist es, sich in der erweiterten Weltspitze zu etablieren und eines Tages vielleicht sogar um Medaillen bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen mitzuspielen. Wenn sie verletzungsfrei bleibt und sich weiter so entwickelt wie bisher, ist ihr das durchaus zuzutrauen. Eines ist sicher: Langweilig wird es mit Annett Kaufmann nicht. Sie wird den deutschen Tischtennissport mit ihrer Art und ihrem Spiel noch viele Jahre prägen.
Fazit
Annett Kaufmann ist mehr als nur ein hoffnungsvolles Talent. Sie ist bereits jetzt die unangefochtene Anführerin der deutschen Tischtennis-Nationalmannschaft der Damen und das neue Gesicht einer ganzen Sportart. Ihr Weg vom Kinderzimmer in Bietigheim-Bissingen auf die großen Bühnen von Paris und Zadar ist beeindruckend und noch lange nicht zu Ende. Mit ihrer unbändigen Spielfreude, ihrer emotionalen Art und ihrem eisernen Willen begeistert sie nicht nur eingefleischte Tischtennis-Fans, sondern holt die Sportart endlich wieder ein Stück weit ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit.
Ihre Geschichte ist eine von Talent, harter Arbeit und einem starken familiären Rückhalt. Sie zeigt, dass man auch in einer von asiatischen Athleten dominierten Sportart mit der richtigen Einstellung und körperlichen Präsenz mithalten kann. Die Zukunft von Annett Kaufmann verspricht, ungemein spannend zu werden. Sie wird Rückschläge erleiden, sie wird lernen und sie wird hoffentlich noch viele große Siege feiern. Eines ist jetzt schon sicher: Mit ihrer “schlagfertigen” Art und ihrem unbekümmerten Auftreten hat sie das Zeug, eine ganze Generation für den Tischtennissport zu begeistern und vielleicht sogar irgendwann das zu erreichen, was vor ihr noch keine nicht-asiatische Spielerin geschafft hat: ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. Die Tischtenniswelt kann gespannt sein, was als Nächstes von Annett Kaufmann kommt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu Annett Kaufmann
Wie alt ist Annett Kaufmann?
Annett Kaufmann wurde am 23. Juni 2006 geboren. Sie ist derzeit 19 Jahre alt .
Welche Erfolge hat Annett Kaufmann bereits erzielt?
Annett Kaufmann hat bereits eine beeindruckende Titelsammlung vorzuweisen. Zu ihren größten Erfolgen zählen der Gewinn der U19-Weltmeisterschaft 2024 (als erste nicht-asiatische Spielerin), die Team-Europameisterschaft 2025 mit der deutschen Damenmannschaft, die Deutsche Meisterschaft im Einzel und Doppel 2024 sowie der Einzug ins Halbfinale bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris .
Wer sind die Eltern von Annett Kaufmann?
Ihre Eltern sind Andrej und Anna Kaufmann. Beide waren im Leistungssport aktiv: Ihr Vater Andrej war Eishockeyprofi, ihre Mutter Anna war Skirennläuferin .
Bei welchem Verein spielt Annett Kaufmann?
Annett Kaufmann spielt in der deutschen Tischtennis-Bundesliga für den SV DJK Kolbermoor. Ende Januar 2026 wurde bekannt gegeben, dass sie ihren Vertrag dort um ein weiteres Jahr verlängert hat .
Wie ist Annett Kaufmanns Spielstil?
Annett Kaufmann ist Linkshänderin und spielt ein aggressives Angriffsspiel von der rechten Seite. Sie nutzt ihre Körpergröße von 1,83 m, um mit kraftvollen Topspins zu punkten. Ihr Spiel ist von hoher Emotionalität und starkem Siegeswillen geprägt .
Hat Annett Kaufmann Geschwister?
Ja, Annett Kaufmann hat eine ältere Schwester namens Alexandra. Auch Alexandra ist im Tischtennis aktiv und war maßgeblich daran beteiligt, dass Annett mit dem Sport begann .

